Ein gesunder Huf zeigt eine kurze Zehenlänge.

Das Vorbild des Natural Hoof Care, der natürliche Mustanghuf, zeigt, dass die Zehe kurz ist und  in einem geraden (”gestreckten) Wandverlauf vom Kornrand bis zum Boden verläuft. An der Tragfläche geht sie in eine sanfte Rundung (Mustangroll) über.

Mustanghuf australischer Brumbie, Photo: Gunnar Schillig

Sehr viele domestizierte Pferde zeigen allerdings eine nach vorne gezogene Zehe, die größtenteils durch fehlerhafte Hufbearbeitung oder Vernachlässigung der Hufpflege (überlange oder gar keine Ausschneideperiode) entsteht.

nach vorne wegschnabelnde Zehe

Der  Wandverlauf  ist nicht gerade, sondern er ändert den Winkel. Die Zehe ist  vom Hufbein nach vorne weggezogen. Dies bringt auch den Abrollpunkt zu weit nach vorne und somit wird auch das neue Wachstum ständig nach vorne gezogen. Das ist übrigens ein weiterer wichtiger Faktor, der zu untergeschobenen Trachten führt. Ein verzögerter Abrollpunkt beansprucht den Pferdekörper enorm und verändert das Gangbild. Das Pferd muss sich über die lange Zehe “weghebeln” und dabei Muskelarbeit leisten, die es mit einer natürlich kurzen Zehe nicht braucht. Die Überbeanspruchung des Hufrollenbereiches, die dann oft zu Podotrochlose führt,  sollte hier nicht unerwähnt bleiben…

Ansicht Huf vor Bearbeitung nach NHC

Der Wandverlauf unter dem Kronrand (weißer Strich) zeigt, wie der Huf  die Zehe in ihrer gesunde Postition wachsen lassen will und die Winkeländerung macht deutlich, wie die Zehe nach vorne vom Hufbein weggezogen wird. Dieser Bogen deutet auf eine “Rotation” durch eine Seperation (Hufrehe) oder (wie in diesem Fall) durch zu hoch gelassene Trachten und eine nach vorne gezogene Zehe hin.

 Eine nach vorne gezogene Zehe zeigt sich auch an der Sohlenfläche. Normalerweise liegt der Rand des Hufbeines ca. eine Daumenbreite vor der Strahlspitze. An diesem Huf kann man erkennen, dass die Zehe deutlich nach vorne gezogen, also “zu lang” ist.

zu lange Zehe

Die Sohle an der Zehe wird häufig mit der nach vorne gezogenen Huf-Wand  mitgezogen, ohne dass die weiße Linie auseinandergerissen wird (die Seperation der weißen Linie bei einer Hufrehe entsteht durch die Entzündungsflüssigkeit). So behält die weiße Linie ihr normales Aussehen, obwohl manchmal ein hoher Grad an “Hufbein-Rotation” vorhanden ist. Dadurch entsteht die weite Entfernung von der Spitze des Strahles zur Zehen-Wand. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass solche Hufe sehr Reheanfällig sind…

Ansicht Sohlenfläche vor Bearbeitung

Das Missverständnis, warum die Zehe nach “vorne schnabelt” und “zu lang” ist,  und die Versuche, dies zu korrigieren, ist einer der gewöhnlichsten und ernsthaftesten Fehler  vieler  Hufexperten. Meist wird die Zehenschwiele weggeraspelt/-geschnitten, um die Zehe “zu kürzen” und manch Einer/Eine erzeugt für das Auge einen geraden Wandverlauf, indem er  die Zehenwand mit der Raspel abstreckt. Zudem belügt man sich selbst, da nur durch äußeren Anschein ein “passend Fesselstand” erzeugt wird . In Wahrheit wurden in diesem “Missverstehen” die Hufwand und Zehenschwiele ausgedünnt (was zu einer weiteren gravierenden Schwächung des Hufbeinträgers sorgt!), während die Rotation des Hufbeins erhöht  und das Pferd  somit wahrlich  zu einem ”Zehenspitzengänger”  gemacht  wurde.  Wer so arbeitet, wird sich in einem endlos wiederholenden Kreislauf befinden und das Leid haben wieder die Pferde, die auf ständig schmerzenden Hufen herumlaufen müssen…

Zehe von der Sohle her gekürzt und Wandverlauf abgestreckt
Zehe von der Sohle her gekürzt und Wandverlauf abgestreckt

Beim NHC wird nur loses totes Sohlenmaterial entfernt - niemals (ich kann es nicht oft genug betonen!) wird in die lebende Sohle geschnitten! Der Huf wird “gelesen” (auch das kann ich nicht oft genug betonen:-)), um die Hufbeinpostition zu bestimmen und danach wird getrimmt.

sanftes Enfernen des Zehenhebels, ohne die Hufwand zu schwächen
sanftes Enfernen des Zehenhebels, ohne die Hufwand zu schwächen

Die Zehe wird zurückgesetzt, ohne dass die Hufwand durch ein “zu viel” an beraspeln ausgedünnt wird.

Nur das untere Drittel der Hufkapsel wird mit der Raspel bearbeitet und sanft berundet, damit der Hufbeinträger seine Stabilität be(er-)hält.

"sanft" bearbeitet Hufkapsel
“sanft” bearbeitet Hufkapsel

Das bringt auch den Abrollpunkt zurück und vermeidet somit, dass die Zehe bei jedem Schritt wieder weiter vom Hufbein weggehebelt wird.

Seitenansicht Huf nach Bearbeitung

Die Schäden am Hufbeinträger, die hier an der weißen Linie ersichtlich sind, können so   ausheilen und es wird sich mit der Zeit eine gesunde Hufkapsel mit einer gesunden Wandverbindung bilden.

Sohlenansicht nach Bearbeitung

Dies erfordert regelmäßige Bearbeitungstermine im Abstand von 4 - 6 Wochen (diese Entscheidung sollte der Hufexperte treffen!!) und Geduld des Pferdebesitzers. Schäden, die durch eventuell jahrelange Fehlbearbeitung entstanden sind, brauchen ihre Zeit, um zu heilen.

©Manu Volk